Gewissensentscheidung zur Kriegsdienstverweigerung

11/2000 von Mark Nitschke

Der folgende Text ist die Originalbegründung zu meinem Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Heute würde ich wohl einiges anders formulieren, aber zur Anerkennung hat es jedenfalls gereicht.

Gewissensentscheidung

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Beweggründe für die Gewissensentscheidung

Mit fünfzehn Jahren habe ich das Buch "Die Festung" von Lothar-Günther Buchheim gelesen. In diesem Buch beschreibt ein deutscher Kriegsberichterstatter die Wirren und das verzweifelte Weiterkämpfen der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten des Zweiten Weltkriegs. Es ist eine sehr realistische Beschreibung nach den wahren Erlebnissen des Autors, die die Sinnlosigkeit des Krieges deutlich hervorhebt. Ein noch erschreckenderes Beispiel ist das Buch "Im Westen nichts Neues" von Remarque. Die Stellungskämpfe im Ersten Weltkrieg um jeweils wenige hundert Meter Feindland, die am nächsten Tag schon wieder verloren werden sind ein erschreckendes Bild des Krieges. Umso erschreckender, wenn man bedenkt, mit welchem Enthusiasmus die Menschen am Anfang in diesen Krieg gingen, der dann jedoch schon allzu bald seine Grausamkeit offenbarte.

Gegen wen er genau Krieg führte wusste der Soldat an der Front nicht. Er hatte sein allgemeines Feindbild im Kopf, während er auf Menschen schoss, die er gar nicht kannte, von denen er nicht wusste, ob sie eigentlich nicht genauso waren wie er, vielleicht Familie hatten und diesen Krieg gar nicht wirklich wollten. Egal, auf welcher Seite er stand, er glaubte, seinem Land und einer guten Sache zu dienen und befolgte seine Befehle, genau wie alle anderen um ihn herum auch.

Ich könnte niemals den Befehl folgen, eine Waffe zu nehmen und auf irgendjemanden zu schießen, bloß weil er oder sein Land im Augenblick als Feind gilt und deshalb bekämpft werden muss. Dabei ist es egal, ob ich nun angreifen soll oder selbst angegriffen werde. Denn der auf der anderen Seite ist in genau derselben Situation. Er dient seinem Land und befolgt Befehle. Aber als Privatperson hat er möglicherweise überhaupt kein Interesse daran, mich zu töten, genauso wenig, wie ich. Vielleicht ist er Familienvater, vielleicht hat er sich vorher noch nie mit meinem Land befasst, bevor er den Befehl dazu bekam. Wie viele Amerikaner wussten im Zweiten Weltkrieg überhaupt, was sie das zerstörten, worauf sie ihre Bomben warfen? Offiziell auf Munitionsfabriken und andere kriegswichtige Einrichtungen, doch was stand daneben? War der Berliner Dom oder das Stadtschloss etwa auch kriegswichtig? Hatten es die noch in Berlin gebliebenen Zivilisten, hauptsächlich Frauen und Kinder verdient, zu sterben bloß weil sie im falschen Land lebten? Sie hatten es nicht genauso wenig wie die Menschen auf der anderen Seite, die die Bomben warfen.

Ich sehe die Menschen als die Personen, die sie sind und nicht als Bewohner eines bestimmten Landes. In der Regel sind es nicht sie, die kämpfen wollen, sonder die Führer ihres Landes, die wollen, dass sie es tun. Ihnen wird nur eingeredet, dass „die da drüben“ Feinde sind, weil sie eine beispielsweise. andere Kultur haben oder das eigene Land angeblich bedrohen. Dabei wird dieser Feind durch den Einsatz automatischer Waffen immer anonymer. Da fällt es dann nicht mehr auf, ob die Rakete zwanzig Kilometer weiter nun in die Munitionsfabrik oder in die Schule, die fünfhundert Meter daneben liegt, einschlägt. Erst 1999 hat man wieder gesehen, wie Zivilisten, die erst recht völlig unschuldig an ihrer Situation waren, "aus Versehen" sterben mussten, weil sie zur falschen Zeit in einem Zug saßen, der über eine "wichtige" Brücke fuhr, oder weil die Traktoren als Panzer identifiziert wurden.

Die Ausbildung zum Soldaten erfolgt immer in Hinblick auf eine mögliche Beteiligung Deutschlands an einem Krieg, die, wie man gerade am Beispiel Kosovo sieht, nicht ausgeschlossen werden kann. Man lernt, wie man mit einer Waffe umgeht und simuliert Gefechte. Ich finde es pervers, mit einer Waffe — auch wenn sie nicht mit scharfer Munition geladen ist — auf andere Menschen zu zielen, mir diese als Feinde vorstellen und hinterher zu prüfen, ob ich sie richtig "getötet" oder ihnen vielleicht doch nur die Kniescheibe zerschmettert hätte. Dabei ist es mir egal, ob das nur eine Übung war oder nicht, denn diese bereitet schließlich auf den Ernstfall vor. Dann hätte ich allerdings zusätzlich noch die Belastung meines Gewissens, wirklich jemanden getötet zu haben. Und wieder wäre da die Frage: Hatte er es wirklich verdient? Gab es keine andere Lösung?

Als Kind habe ich niemals Spielzeugsoldaten, Spielzeugpistolen oder ähnliches besessen. Ich habe also niemals aus Spaß und im Spiel auf andere Kinder "geschossen" und auch heute verstehe ich es nicht, wie manche Eltern ihren Kindern so etwas kaufen können. Denn eine solche Erziehung mit Spielzeugwaffen erhöht schließlich die Gewaltbereitschaft und somit auch die Bereitschaft in einem Krieg überhaupt zu kämpfen. Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, etwas in die Hand zu nehmen, das nur dazu dient, einen anderen Menschen zu töten.

Gewalt verabscheue ich. Aus Rangeleien in der Schule habe ich mich immer herausgehalten, und auch sonst versuche ich lieber, Konflikte mit Worten zu lösen als mit Gewalt, auch wenn es dadurch manchmal eventuell schwieriger ist. Jemanden zu schlagen, nur weil ich es kann, jemanden etwas anzutun, nur weil er eine andere Meinung, eine andere Kultur hat oder einem anderen Land dient, das könnte ich nicht, das wäre mit meinem Gewissen und meinen ethischen und moralischen Vorstellungen vom Umgang mit Menschen und dem Wert eines Menschenlebens nicht vereinbar.

Daher hoffe ich, dass sie meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung, gemäß Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes stattgeben und mir ermöglichen, einen Zivildienst zu leisten.

Unterschrift